Seppy's Blog

Geschichten von Christa Koinig - erscheinen jeden Sonntag im Kurier
10.10.2021

Die Mimose

Manchmal gibt’s Tage, da bin ich einfach nicht gut drauf. Es sind die Tage, wo alles schief läuft. Ich komm’ zu spät ins Puppentheater oder ich kann meinen Text nimmer. Oder es kommt eine Erinnerung hoch, die mich traurig macht oder eine Enttäuschung, mit der ich nicht gerechnet hatte. Wenn mich da jemand ein bisserl scharf anredet, beginne ich zu heulen.

Kasperl sagt dann zu mir, ich bin ein Trenzer. Ab und zu sagt er „Jammersuse“ oder „Mimose“. Dass er mich einen Trenzer nennt, versteh’ ich, denn trenzen bedeutet weinen und jammern. Darum check ich’s auch, wenn er Jammersuse zu mir sagt, obwohl ich ja kein Mädchen bin. Aber was ist eine Mimose?

Neulich war wieder so ein Tag, aber gerade als ich los heulen wollte, hat mich Omama ganz fest in den Arm genommen und gesagt „Seppy, es gibt Tage, an denen man nicht mehr weiter weiß und Stunden, in denen man sich allein gelassen fühlt. Manchmal sind’s ganz kleine Dinge, die einen verletzt haben. Und dann kommen halt die Gefühle, die man nicht steuern kann. Glaub’ mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Das wollte ich jetzt nicht hören, schon gar nicht von Omama. Darum hab’ ich schnell das Thema gewechselt und gefragt „Was ist eigentlich eine Mimose?“

„Die Mimose ist eine sehr empfindliche, sensible Pflanze“ hat mir Omama erklärt, „sie hat ganz zarte Blüten, und sie reagiert auf die kleinste Berührung, indem sie ihre zarten grünen Blätter zusammen rollt. In der Sprache der Blumen hat die Mimose eine ganz besondere Bedeutung. Wenn sie dir jemand schenkt, will er damit ganz versteckt sagen, dass er dich mag.“

Aha, ich bin also ein empfindliches Pflänzchen. Aber wenigstens weiß ich jetzt, wem ich einen Strauß Mimosen schenken werde.

Euer Seppy

Text von Christa Koinig, erschienen im Kurier am 10.10.2021